DDr.
Ella Lingens
geb. Reiner

Juristin und Ärztin, Gegnerin des Nationalsozialismus

* 1908   † 2002

 

Lebenslauf

Ella Lingens wurde am 18. November 1908 in Wien geboren. Sie studierte in Wien, Marburg und München Medizin und Jura. 1925 trat sie der sozialdemokratischen Partei bei. Sie war mit dem Mediziner Kurt Lingens verheiratet. Ella und ihr Mann Kurt wurden von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet. Nach dem Krieg beendete sie ihr Medizinstudium. Sie arbeitete in mehreren Kliniken und im öffentlichen Gesundheitswesen Österreichs. Sie wurde Ministerialrätin im Bundesministerium für Gesundheit und Umweltschutz und trat 1973 in den Ruhestand.

Das Ehepaar Lingens unterstützt Juden und Widerstandskämpfer

Das Ehepaar Lingens lernte 1939 Baron Karl von Motesiczky kennen. Dieser besaß ein Haus in einer Wiener Vorstadt, das er zur Beherbergung von Juden und Widerstandskämpfern nutzte. Sie unterstützten Motesiczky in seinen Vorhaben. Zudem versteckten sie in den Jahren 1941 und 1942, jeweils über mehrere Monate, Erika Felden, eine junge Jüdin, in ihrer Wohnung. Unterstützt wurden sie dabei von einem anderen Ehepaar, das die Verteilung von Lebensmittelkarten koordinierte.
Dieses Ehepaar, beide Lehrer, legten mehrere Karten für Erik Felden auf die Seite, so dass Ella und Kurt Lingens sie im Versteck mit Nahrung versorgen konnten. Als Felden an einer Darminfektion erkrankte, gab die Haushälterin der Lingens ihr ihren Personalausweis, sodass sie einen Kassenarzt aufsuchen konnte. Dank der Hilfe des Ehepaars Lingens und der Haushälterin konnte sich Felden schließlich sagar unter falschem Namen einer Operation unterziehen.

Ella und Kurt Lingens sollten zwei Ehepaare, von einem jüdischen Bekannten, Alex Weissberg-Cybulski nach Wien geschickt, mit Hilfe eines Mittelsmannes in die Schweiz bringen. Der Mittelsmann, ein ehemaliger Schauspieler namens Klinger, erwies sich allerdings als Spitzel der Gestapo und verriet die Fliehenden am 4. September 1942 in Feldkirch an die Behörden. Er denunzierte Ella und Kurt Lingens, die daraufhin am 13. Oktober 1942 verhaftet und im Wiener Hauptquartier der Gestapo im vormaligen Hotel Metropol am Morzinplatz inhaftiert wurden. Kurt Lingens wurde nach kurzer Haft einer Strafeinheit überstellt. Klinger, der Denunziant, wurde 1943 verhaftet, nachdem seine Auftraggeber beschlossen hatten, dass er ihnen nicht weiter von Nutzen war. Er wurde nach Auschwitz deportiert und kam dort um.

"Gefangene der Angst"

Ella Lingens schrieb ihre Erinnerungen an das Vernichtungslager Auschwitz nieder. Das Buch "Prisoners of Fear” wurde im Verlag Victor Gollancz in London im Jahre 1948 veröffentlicht. Dieser Bericht gehört gemeinsam mit den in ebendiesem Jahr erstmals erschienenen Büchern "Ist das ein Mensch" des italienischen Chemikers Primo Levi und den "Five Chimneys" der ungarischen Ärztin Olga Lengyel zu den frühen beeindruckenden Zeugnissen von Auschwitz-Überlebenden.

Sie beschrieb die Opfer und die Täter des Vernichtungslagers wie auch im Speziellen die Bemühungen der Häftlingsärzte, mit so gut wie keinen Medikamenten der Seuchen im Lager Herr zu werden. Der Europaverlag veröffentlichte 1966 im Auftrag des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes eine kurze Dokumentation, die auf dem 1948 erschienenen Buch basiert. Erst 55 Jahre später, im Jahre 2003, erschien eine deutsche Fassung des Buches. Ella Lingens erlebte das Erscheinen der deutschen Version leider nicht.

Ella Lingens über die Überlebenschancen im Lager

"Man konnte im Lager, wenn man nicht gerade durch seinen Beruf, durch besondere Schönheit oder durch andere günstige Umstände privilegiert war, eigentlich nur überleben, wenn man sich ununterbrochen das Gegenteil von ,korrekt' verhielt. Wenn man alles tat, was im zivilen Leben als kriminell und übel gegolten hätte: Stehlen, Lügen, Betrügen, immer und überall seine Ellbogen gebrauchen."

Frankfurter Auschwitzprozess

Während des ersten Frankfurter Auschwitzprozesses sagte Ella Lingens Anfang März 1964 aus.

Peter Michael Lingens über ein tief berührendes Erlebnis mit seiner Mutter wenige Tage vor ihrem Tod

„Ein paar Tage vor ihrem Tod verließ meine Mutter noch einmal ihr Bett. Sie stützte sich an den Wänden des Zimmers und des langen Ganges ab und stand plötzlich, offenkundig etwas verwirrt, in der Wohnzimmertür. Während jedes Gespräch verstummte, wiederholte sie mit angstvoll geweiteten Augen einen einzigen Satz: Ihr werdet mich nicht verbrennen? Ihr werdet mich nicht verbrennen, gell?”

Tod

Ella Lingens starb am 30. Dezember 2002 in Wien.

Dokumentarfilm "Gerechte unter den Völkern: Ella Lingens"

Im Jahre 2016 entstand eine Dokumentation über Ella Lingens unter dem Titel “Gerechte unter den Völkern: Ella Lingens”. Hierbei war Ellas Sohn Peter Michael Lingens, seines Zeichens Journalist, Hauptinterviewpartner. In Auschwitz hatten Gedanken an ihren Sohn Peter Michael ihr viel Kraft gegeben, sich ihre Ehre und Selbstachtung nicht rauben zu lassen.

Peter Michael hatte seine Kindheit während der Gefangenschaft der Mutter von 1942 bis 1948 mit seinem Kindermädchen in Birnbaum und Kötschach verbracht.

Straßenbenennung

Im Jahr 2012 wurde in Wien Donaustadt (22. Bezirk) die Ella-Lingens-Straße nach ihr benannt.

Literatur

Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Ullstein, Frankfurt 1980
Lexikon der Gerechten unter den Völkern. Deutsche und Österreicher. Hrsg. von Daniel Fraenkel (Deutsche) und Jakob Borut (Österreicher). Wallstein, Göttingen 2005
Ilse Korotin (Hrsg.): „Die Zivilisation ist nur eine ganz dünne Decke ...“ Ella Lingens (1908–2002). Ärztin, Widerstandskämpferin, Zeugin der Anklage. Reihe: Biografia. Neue Ergebnisse der Frauenbiografieforschung, 8. Praesens, Wien 2010

Ehrenhalber gewidmetes Grab auf dem Zentralfriedhof

Ella Lingens wurde am 10. Jänner 2003 auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem ehrenhalber gewidmeten Grab (Gruppe 40, Nummer 90) beigesetzt.

Weblinks

Wir erinnern uns

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